Vision: Best Friends Forever?

Ich möchte mal etwas klarstellen, auch weil ich darauf angesprochen wurde: Die mobile Vesperkirche wird nicht von unserem Verein organisiert oder finanziert. Wir dürfen uns bei der Essensausgabe beteiligen. Beim Gabenzaun ist unser Verein Freunde e.V. beteiligt. Spenden gehen auf unser Spendenkonto, und werden als Gaben an den Gabenzaun gehängt. Beim Brunch der Süddeutschen Gemeinschaft sind auch einige aus unserem Verein beteiligt, aber nicht als Verein, sondern jeder einzelne als Mensch.
Ich möchte mich ungern mit fremden Federn schmücken. Ich dachte, das hätte ich zuvor ausreichend dargelegt. Oder schreibe ich einfach zu emotional und vergesse darüber die Sorgfalt? Meine Artikel entstehen sehr spontan und werden in der Regel nicht nachbearbeitet.

Trotzdem war ich dankbar über eine Kritik und eine spezielle Rückmeldung. Ich hätte auch ohne den Verein Freunde e.V. oder ohne Verbindung zur Süddeutschen Gemeinschaft (SV) oder zur evangelischen Kirche mein Herz für diese Menschen und hätte mich auf die eine oder andere Art engagiert. Vermutlich wären ohne diese „Institutionen“ manche Aktivitäten gar nicht zustande gekommen, da ich nicht über die Infrastruktur verfüge und vermutlich hätte ich nicht so viele Menschen mit einem Herz für Menschen an einem einzigen Platz kennen gelernt.

Unser Herrenberg

Der Brunch ist seit 10 Jahren ein fester Bestandteil in der SV, obwohl lang nicht jeder Besucher der SV davon Kenntnis hatte. Ohne Micha gäbe es den Brunch vielleicht nicht und ganz bestimmt keine 10 Jahre. Aber ohne die Infrastruktur der SV vielleicht auch nicht.
Der Brunch wird aus Mitteln der SV finanziert, oder auch aus Einkaufs-Spenden, sowie den guten und beliebten Essen, die Franziska und jetzt Elisabeth kocht. Moni backt Kuchen. Und dann ist da das ehrenamtliche Engagement jedes einzelnen Mitarbeiters, die sich aus verschiedenen Gemeinden rekrutieren.

Die Friends Time ist unser Baby. Sie war nie gedacht, in Konkurrenz zum Brunch zu treten, sondern wir wollten ein weiteres Angebot schaffen, ähnlich den Vaterhaus-Essen, um Menschen zu erreichen. Und ich finde, höchst erfolgreich. Unsere Gäste freuten sich über unser Angebot und wir freuten uns über unsere Gäste. Doch ohne die Räumlichkeiten der SV hätten wir die Friends Time auch nicht so stattfinden lassen können.
Wieder das Thema Infrastruktur.

Die mobile Vesperkirche wiederum ist ein Projekt der evangelischen Gemeinde in Herrenberg und sollte ursprünglich als Vesperkirche in der Spitalkirche stattfinden. Über das Konzept, die Zielgruppe, oder wie häufig oder in welchem Umfang die Vesperkirche tätig ist, kann ich nichts genaues sagen. Ich habe mal vor längerer Zeit etwas im Gäubote gelesen. Corona kam dazwischen und so konnte sie noch nicht starten. Corona hat vieles verändert.
Die mobile Vesperkirche ist jetzt daraus entstanden als ein Angebot der Gemeinden Herrenbergs. Die Essen werden von vielen Menschen in Anspruch genommen, natürlich von weit mehr Menschen, als nur unseren Menschen in der Schießmauer.

Und es gibt die Kleine Börse, die auch sehr beliebt ist. Auch dort gab es schon lange Zeit warmes Essen. Aber ich kenne auch hier weder das Konzept, noch die Menschen, die dahinter stehen. Trotzdem habe ich immer wieder Positives davon gehört und dass es eine feste Anlaufstelle von einigen unserer Gäste war.

Vision

Ich hätte gerne mehr im Sinn, als unsere Vesperkirche, die Kleine Börse, der Brunch und unsere Friends Time zusammen. Eigentlich würde ich mir wünschen, dass unsere Stadt Räumlichkeiten zur Verfügung stellen würde, und unser Verein organisiert eine Art betreutes Wohnen, eine Art Hotel mit eigenem Restaurantbetrieb, in dem sich die Bewohner, die von der Schießmauer, der Obdachlosigkeit oder sonst woher kommen können. Wenn die Voraussetzungen geschafft sind (Therapie?, Abstinenzwunsch?), könnte sich der eine oder andere auch beim Betrieb beteiligen ähnlich der Hostels, wo man für ein paar Stunden Mithilfe, sein Zimmer finanziert. Gibt Struktur und Identifikation. Das Wohnen dort nicht als letzte, unterste Stufe, sondern als ein Einstieg in einen geregelten Tagesablauf.
Könnten bestimmte Arbeiten als Eingliederungmaßnahme auch von Stadt oder Jobcenter finanziert werden, um mittel- und langfristig Menschen eine Perspektive zu geben, ihr eigenes Leben wieder selbst zu organisieren?
Ein bis zwei Mitarbeiter mit Erfahrung im psychosozialen Bereich für die Betreuung und Motivation sind bestimmt auch über Stiftungen oder öffentliche Gelder finanzierbar und würden das Paket abrunden. Im besten Fall mit Jesus in da House. Keine Ego-Shooter, kein Selbstverwirklichungs-Bedürfnis.

Was wäre, wenn es genossenschaftlich organisiert wäre, also ohne externe Betreiber sondern selbstverwaltet. Klare Strukturen, basisdemokratisch. Keine Kommune im linken Sinn. Ideologiefrei, aber mit festen christlichen Grundlagen. Unsere Hilfe kommt vom Herrn, aber schön wäre es auch noch, würde die Hilfe von aussen erst mal nur übergangsweise sein, bis sich das Projekt selbst finanzieren kann. Wenn man es richtig anstellt. Ein Ziel wäre für mich, mittelfristig ohne externe Gelder auszukommen, um keine dauerhaften Abhängigkeiten zu schaffen.
Nicht noch eine weitere Institution, Sozialbusiness, sondern ein echtes Hoffnungshaus. Ich glaube daran, dass Infrastruktur, Perspektive und Vision zusammen gebracht werden müssen. Wer das anfänglich finanziert, wäre mir egal. Das erstmal in Stichworten.

Ich bin überzeugt, dass einige unsere Menschen, die wir betreuen, bzw. mit denen wir befreundet sind, die prekären Lebensumstände verlassen möchten und würden, gäbe es eine Perspektive. Ich bin überzeugt, dass auch die Suchtproblematik bei den meisten Menschen signifikant sinken würde.

Perspektive braucht jeder. Keine Angst vor dem Morgen. Im Gegenteil, sich auf den nächsten Tag, die nächste Woche zu freuen, auf Aufgaben, die man anpackt, auf verlässliche Partner bauen zu können, den Blick auf sich und andere zu richten und so etwas, wie Stolz zu fühlen. Der Ego-Trip ist zu Ende. Trotzdem seine Individualität feiern.

Uns „Normalen“ ist nicht bewusst, dass auch wir in prekären Situationen sein könnten, wären wir nicht bewahrt worden. Wir können oft nicht verstehen, dass das Schicksal einfach nur gnädig mit uns war. Wir glauben vielleicht, dass wir uns selbst bewahrt haben. Unsere psychische und physische Stärke. Ich glaube das nicht. Auch ich fühle mich gewappnet. Meine Arbeit ist mir wichtig, um mein Leben und das meiner Familie abzusichern. Das ist doch der Wunsch eines jeden verantwortungsvollen Menschen. Aber was, wenn eine existenzielle Krise kommt? Ist es nicht möglich, dass die ganze „Sicherheit“ eine Selbsttäuschung sein kann? Nichts mit Sicherheit? Ist es nicht das gleiche mit uns Schönwetter-Christen, die bei der ersten richtigen Krise an der Liebe Gottes zu zweifeln beginnen?

Ich möchte gerne falsch liegen. Bestimmt liege ich wieder falsch. Aus meiner Erfahrung weiß ich, ich sehe es bei unseren Freunden, ich sehe es in der Familie:
Wenn die einzige Sicherheit, die einzige Gewissheit die ist, dass es keinen interessiert, wie es einem geht, dass es keine Hoffnung und keine Hilfe gibt, keinen Ausweg, dann kann ich es verstehen. Zusätzlich in dieser scheinbar ausweglosen Situation zu stecken, in prekären Wohnverhältnisse, vielleicht Schulden, vielleicht Sucht, vielleicht Depressionen. Ich behaupte, den meisten fehlt die Sicherheit des Glaubens. Ich behaupte, den meisten fehlt eine Perspektive.

Einige werden sagen: Kann man nicht umsetzen. Idealismus. Träumerei. Wie lautet also der Schluß, die Erkenntnis? Die Dinge laufen lassen? Resignieren? Kollateralschäden in Kauf nehmen? Einfach wegschauen? Strukturelle Armut mit geringsten Mitteln weiter verwalten?
Oder Visionen haben? Eventuell umsetzen?

So, und jetzt kann gerne Kritik kommen. Konstruktiv wäre schön.

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