Seenot

Samstag war endlich wieder Brunch-Godi. Micha und die SV luden ein und es kamen wieder an die 30 Gäste.

Das Brunch- Team bereitete ein kleines Programm vor. Selbstverständlich mit den coronabedingten Einschränkungen. Wie könnte es anders sein! Ich durfte mich um die Technik kümmern. Zum Glück war beim Einschalten des Mischpult ein Setup, mit dem alle notwendigen Kanäle vorbereitet waren. Ich hätte nichts einstellen können. Bin schon zu lange aus dem Technik-Team der SV heraus. Doris am Piano, Elke und Moni Gesang. Elke hatte schöne Lieder herausgesucht.

Elke übernahm auch die Moderation. Zwei Lieder, Begrüßung, noch zwei Lieder, dann Michas Predigt / Impuls. Dann ein Song aus der Konserve. Dann ein Lied zum Abschluss.

Neben mir saß Rene, der extra wegen mir kam. Er hielt durch, obwohl Ewald und noch andere, versuchten, ihn auf dem Handy zu erreichen. Verabredung. Am Ende waren es fast 50 Minuten, bis er zu den Vespertaschen für sich und Armin kam.

Ein paar unserer Gäste kamen wieder aus Stuttgart, bzw. Fellbach. Es scheint, als sei unser Brunch-Godi fest eingeplant. Ich weiß nicht, in wie weit sie unseren geistlichen Impuls wollen. Einige sicher nicht. Bei ein paar anderen bin ich sicher, dass sie unsere Andachten gerne hören und etwas mitnehmen, neben unseren Vespertaschen.

Beate hat ganz genau erklärt, was der Inhalt der Taschen ist und dass Food-Sharing mit tollen Spenden unser Hauptgericht, Bärlauch-Pesto Nudeln und Spargelcreme-Suppe möglich gemacht hat. Zudem waren zwei Brötchen, Elisabethenkuchen und Kaffee-Stick in der Tüte.

So schön die Vespertaschen auch sind, so liebevoll gepackt von Beate und Gerry, so wenig ist diese Form von Brunch-Godi mein Ding. Früher saßen wir gemeinsam am Tisch. Jetzt nimmt sich jeder eine Tasche und geht davon. Nicht jeder. Matthias zum Beispiel nahm keine. Dafür spendete er 50 Euro für den Gabenzaun. Er sagte mir, wie sehr ihn die Atmosphäre des Brunch-Godi berührt hat und er Tränen in den Augen hatte.

Der Brunch – jetzt Brunch-Godi – war schon immer Begegnung, Nähe, Vertrauen, liebevolles Angebot besonders für unsere Freunde vom Bahnhof. Es war ein Zeichen der Offenheit ihnen gegenüber, die doch mit ihren Ritualen und ihren Gewohnheiten am Bahnhof eher Abneigung erfuhren. Nicht einer von ihnen wäre freiwillig in eine Kirche gegangen. Aber Micha und die Süddeutsche Gemeinschaft haben es möglich gemacht. Über 10 Jahre Einladung zum Brunch. Über 10 Jahre Aufbau von Vertrauen.

Natürlich sind wir komisch. Waren wir immer. Werden wir immer sein. Unser Mitarbeiterstab war überkonfessionell. Evangelisch, alte Schule, freikirchlich, SVler. Unser Dienst war nicht für die Kirche, er war für Jesus, er war für unsere Nächsten. Unsere Ältesten haben Eintöpfe und Suppen gemacht. Sie haben die Tische liebevoll dekoriert. Sie waren immer offen für ein Gespräch. Sie waren anerkannt und respektiert. Micha hat seine Andachten gemacht, immer mit Blick auf die Gäste. Niederschwellig. Und wir haben uns eingebracht. Ab und zu selbst eine Andacht oder Impuls. Legendär. Lange her. Aus und vorbei?

Ein wenig Professionalisierung und nun seit dieser komischen Pandemie steril bis in die Haarspitzen.

Natürlich müssen wir den Brunch weiterführen. Hat nicht nur mit Treue zu tun. Gott sendet uns Menschen, das hier ist keine Nasen-Show, es gibt auch keinen Türsteher, naja, Corona-Registrator doch. Ihr wisst, was ich meine. Nun, da jetzt seit einigen Monaten ein ganz neues „Klientel“ hinzugekommen ist. Natürlich auch bedürftig. Gar keine Frage. Aber unser einmaliger, familiärer Charakter ist zumindest in diesen von Hygieneregeln dominierten Zeiten weg. Verloren befürchte ich. Corona degradiert uns zu Dienstleistern. Der Brunch war nie ein Event. Er ist auch kein soziales Angebot in einer asozialen Gesellschaft. Obwohl wir nichts anderes tun, als früher. Unsere Türen öffnen?

Und unsere Herzen? Wo sind unsere einstigen Stammgäste? Wo früher tatsächlich 30 Herrenberger, Bondörfer, Böblinger kamen, die wir mit Namen kannten, kommen jetzt mehr und mehr namenlose Menschen. Nur ein paar alte Gesichter kommen noch.

Diese Form, in der wir jetzt den Brunch-Godi abhalten ist unpersönlich. Unsere persönliche Ansprache fehlt. Wie kann man da Kontakte aufzubauen? Es geht nicht mehr.

Im Winter, während des langen Lockdowns schier unmöglich. Jetzt ist es wärmer, die „Inzidenzen“ sind runter, man erlaubt wieder ein bisschen mehr, aber der Raum ist weiterhin steril. Die Maske trennt uns. Kein Singen, kein Gespräch. Vielleicht sollten wir uns mal darüber ernsthaft Gedanken machen. Was wollen wir wirklich?

Micha hielt seine Andacht. Das Thema war der Sturm, das Boot, die Jünger, Ängste und dann Jesus. Ein bisschen Vertrauen. Dann doch nicht. Jesus, der rettet. Auf was hören wir? Auf Jesus oder auf unsere Ängste?

Früher war Micha mitten unter uns. Jetzt steht er erhöht. Hält Abstand. Die Botschaft kommt dennoch an. Manche brauchen unbedingt eine Verbindung zu diesem Jesus, zu einer Gemeinde. Manchen ist es trotzdem egal.

Vielleicht sollten wir herausfinden, wer Gemeinde und Nähe und unseren Dienst braucht. Und wer nur eine Vespertasche braucht. Und vielleicht sollten wir herausfinden, ob Gemeinde in der Hygiene-Distanz-Neuen-Normalität überhaupt möglich ist. Und wenn nicht, ob man überhaupt noch Gemeinde haben will.

Eigentlich befindet sich die Gemeinde in Seenot. Eigentlich befindet sich die Kirche in Seenot. Wir sowieso.

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