Schau doch hin

Lisa und ich waren ein paar Tage über das Wochenende in Krakau, Polen. Einfach mal ein wenig raus. Dadurch haben wir leider den Brunch verpasst, der am letzten Samstag im Juni veranstaltet wurde.

Lisa hat uns ein buntes Programm zusammengestellt. Zur Zeit findet ein Jüdisches Kulturfestival statt. Das Dreissigste. Allerdings ist das in einer Stadt mit 800.000 Einwohnern schwerer zu finden, als man meinen würde. Die Litfaß-Säulen zeigen es aber an.

Zwei Konzerte hat Lisa gebucht, leider kommt Nigel Kennedy erst später. Man kann nicht alles haben. Also, wo findet jüdisches Leben statt? Im Kasimierz, einem Stadtteil von Krakau.

Das macht auch hungrig, also gehen wir ins Hamsa, einem Restaurant mit israelischer Küche. Sehr lecker.

Wir laufen die nächsten Tage viel herum. Krakau ist relativ eben und hat einen Grüngürtel um ihr Zentrum. Man kann gemütlich laufen, E-Scooter oder Fahrrad fahren. Oder einfach sitzen.

Hier übrigens auf unserer Lieblingsbank, die Mordechai Gebirtig, einem Krakauer Schreiner, Sänger, Komponist gewidmet ist. Er hat hunderte von Liedern geschrieben, obwohl er selbst keine Noten kannte.

Das jüdische Kulturfestival ist nett, würde ich mal sagen, aber jüdisches Leben findet wohl eher im Privaten statt, in der Familie. Das Festival wurde von Voluntären unterstützt,die aus ganz Europa gekommen sind, was es aber nicht authentischer macht.

Krakau ist eine Großstadt. Und was man hier an Armut zu sehen bekommt, ist schon ein anderes Niveau, als zum Beispiel in Herrenberg. Wir sind auch nicht hergekommen, um die Armut zu sehen, aber man kommt nicht darum herum. Vom Hotelfenster kann man beobachten, wie die Polizei oder das Ordnungsamt mehrmals Menschen kontrolliert. Übrigens darf man in Polen Alkohol nicht öffentlich trinken. Aber das hindert keinen daran, sich ihren Wodka oder Wein in eine Cola Flasche zu füllen. Die Männer bekommen trotzdem Tickets und werden aufgefordert, den Ort, die Straße zu verlassen.

Das ist eine Seite. Die Stadt möchte diese Menschen nicht zeigen, oder man möchte den Leidensdruck erhöhen, oder es ihnen nicht zu angenehm machen. Wir wissen auch zu wenig vom Sozialsystem in Polen, welche Hilfen es gibt oder wie die Situation im Winter ist. Die Sprachbarriere. Lost in Translation.

Vermutlich gibt es Hilfen. Oder? Oder was macht man mit Menschen, die es nicht mehr schaffen, sich in die Gesellschaft zu integrieren? Die eine Antwort möchte ich gar nicht in Erwägung ziehen: Auschwitz.

80 Jahre ist es jetzt her, dass diese Lager einen teuflischen Zweck erfüllt haben: Entmenschlichung. Nur so konnte man Millionen Menschen in einen Krieg führen und Menschen systematisch vernichten. Man mag es nicht denken. Und doch hat eine Kulturnation, wie Deutschland dies möglich gemacht. Das waren gebildete, intelligente Menschen, oft Akademiker. Die Spitze des Staates. Die Dinge ändern sich. Menschen nicht. Das geht manchmal ganz schnell.

Und manchmal kommt es im Gewand der Toleranz, wie schon immer. Wie gehen wir mit Kranken, mit Minderheiten, mit Andersdenkenden, mit Fremden um? Was müssen wir schützen und bewahren? Und wo müssen wir uns engagieren?

Ohne die Liebe zu unseren Mitmenschen laufen wir in die falsche Richtung. Wenn wir Feindbilder pflegen, wenn wir Angst vor Mitmenschen haben, dann wird über kurz oder lang wieder alles Böse möglich.

Gott sagt, liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Finden wir heraus, wer unser Nächster ist. Darum freue ich mich auf morgen, wenn wir wieder im Dienst sein dürfen.

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